Der anstehende Fachkräftemangel ist eines der beherrschenden Themen zurzeit, wenn es um die Zukunft des Arbeitsmarktes in Deutschland geht. Dass es zu gravierenden Problemen bei der Stellenbesetzung kommen wird, ist nicht erst seit gestern bekannt, sondern wird mittlerweile in einigen Branchen schon heute deutlich.
Den zukünftigen Fachkräftemangel bestätigt eine aktuelle Studie der Bundesagentur für Arbeit, in der Rund zwei Drittel der 176 befragten Arbeitsagenturen von Engpässen in Metallberufen und bei Ingenieuren, aber auch im Gesundheitswesen berichteten.
Dass sich dieser Fachkräftemangel in den nächsten Jahren auch massiv auf andere Branchen ausweiten wird, zeigt nicht nur die Studie „Arbeitslandschaft 2030“ im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), sondern auch der Kurzbericht 12/2010 „Arbeitsmarktbilanz 2025“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg (IAB).
So steige, besonders ab 2015, die Zahl fehlender Arbeitskräfte bis 2020 auf zwei Millionen. Die Studie „Arbeitslandschaft 2030“ geht zu diesem Zeitpunkt sogar von ca. vier Millionen fehlenden Arbeitskräften aus. Diese Lücke zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot gelte für alle Ebenen, vom Ungelernten bis zum Akademiker. Allerdings zeigen die Daten deutlich, dass vor allem der Fachkräftemangel in der mittleren und oberen Qualifikationsebene noch steigen wird.
Nach der vbw-Prognose fehlen schon 2015 gut eine Millionen Fachkräfte mit Hochschulabschluss, insbesondere in der Kombination mit Forschungs-, Werbe- und Beratungstätigkeiten. Weitergehend wird bis 2020 in den für Wirtschaftswissenschaftler relevanten Bereichen Marketing und Beratung/Information ein Fachkräftemangel von mehr als 20 Prozent und im Bereich Management-/Leistungstätigkeit ein Mangel zwischen 10 und 20 Prozent auftreten.
Der Berufs- und Arbeitsmarktforscher und Autor des IAB-Kurzberichts Dr. Gerd Zika pflichtet dem bei. Nach seiner Ansicht wird sich der zunehmende Fachkräftemangel an ausgebildeten Spezialisten in den Bereichen Gesundheits- und Sozialberufen, sowie in Rechtswissenschaften, Management und Wirtschaftswissenschaft früh erkennbar zeigen.
Als Grund für den sich rasant entwickelnden Fachkräftemangel nennen die Studien übereinstimmend in erster Linie die demographische Entwicklung. Diese Verschiebung der Altersstrukturen, hin zu einer immer älter werdenden Bevölkerung, wird sich in der Wirtschaft ab 2015 durch einen starken Rückgang der Erwerbspersonen - eine steigende Zahl von Fachkräften aus den geburtenstarken Jahrgängen wird aus dem Erwerbsleben ausscheiden - bei nahezu gleichbleibendem Bedarf an Beschäftigten zeigen. Aber nicht nur der demographische Wandel, sondern auch der Strukturwandel von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft in Deutschland verschärft den Engpass, hauptsächlich bei Hochqualifizierten. Bertram Brossardt: „Das liegt daran, dass die Krise den Strukturwandel beschleunigt, dass also weniger einfachere Qualifikationen gebraucht werden.“
Der IAB-Kurzbericht 12/2010 bekräftigt dies und warnt gleichzeitig vor einem „Missmatch“-Problem, bei dem es langfristig zu einem Fachkräftemangel bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit komme. Diese Gefahr drohe, wenn es nicht gelänge mittels geeigneter Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen oder Änderungen des Bildungssystems mehr Personen auf ein mittleres bzw. hohes Qualifikationsniveau zu führen. Hier müssten Bildungssysteme durchlässiger werden, z.B. durch Anerkennung von Qualifikationen, die in der Arbeit erworben wurden. Auch der vbw fordert vor allem mehr Bildungsanstrengungen. Trotz alledem würden optimale Ergebnisse in der Bildung nicht reichen , um den Fachkräftemangel zu decken, so der vbw. „Mittelfristig ist das nur zu schaffen, wenn wir die Erwerbsbeteiligung der Frauen steigern, die Lebensarbeitszeit verlängern und auf lange Sicht auch die Wochenarbeitszeit“, meint Brossardt.
Dies unterstreicht der Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jedoch nur teilweise: Durch das inzwischen sehr hohe Niveau, das die Erwerbsquoten von Frauen mittleren Alters in Deutschland aufweisen, würde eine Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Frauen nicht mehr den häufig erwarteten Beitrag zur Abschwächung des demographischen Einflusses leisten. Eine Ausweitung der Arbeitszeiten könne weitaus größere Erwerbspotenziale erschließen, aber auch Zuwanderung spiele bei dieser Entwicklung eine große Rolle.
Der Fachkräftemangel ist zwar momentan erst in einigen Branchen zu beobachten, allerdings zeigen die angegeben Studien, dass in Zukunft auch in weiteren Branchen, incl. Wirtschaftswissenschaften, Engpässe bei der Besetzung von Stellen mit qualifiziertem Personal auftreten können. Deutlich wird aber schon heute, dass ein Fachkräftemangel nicht automatisch zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland führt. Es herrscht also kein genereller Mangel, sondern nur in verschiedenen Regionen, wohingegen die Nachfrage nach Spezialisten in anderen Regionen gestillt ist. Dieses Phänomen wird sich in den kommenden Jahren noch verstärken, besonders Ostdeutschland prophezeit der IAB-Bericht einen starken Schwund an qualifizierten Arbeitern.
Ansonsten zeigen Daten der Arbeitsagentur auch, dass Unternehmen offene Stellen nicht mit dem erstbesten Kandidaten besetzen. Dies wiederum zeigt, wie häufig Anforderungen einer Stelle und Angebot eines Bewerbers nicht übereinstimmen.
Deutlich wird, dass sich Arbeitssuchende trotz einer größeren Anzahl offener Stellen in Zukunft nicht unbedingt zurücklehnen können. Ihnen wird trotz steigender Nachfrage kein Job hinterhergeworfen, im Gegenteil steigen sogar die fachlichen und sozialen Anforderungen an Bewerber. Hier sind persönlicher Einsatz auf Seiten der Arbeitskräfte, durch Weiterbildungen und Nachqualifizierungen, aber auch Engagement der Unternehmen, durch Bereitstellung flexibler Arbeitszeitmodelle oder die Bereitschaft ältere Arbeitnehmer zu beschäftigen, gefordert.
Die Entwicklungen, die in den Modellrechnungen der angegeben Studien ausgewiesen wurden, müssen nicht zwangsläufig so eintreten, da Unternehmen wie auch Arbeitssuchende unterschiedliche Möglichkeiten haben, darauf zu reagieren. Die Analysen sollen aber vor allem darauf hinweisen, dass es in diversen Bereichen aus heutiger Sicht zu einem größeren Fachkräftemangel kommen wird bei dem mit Ausgleichsproblemen zu rechnen ist.











