Branchengespräch: Wirtschaftskrise, Eurokurs und Regulierungen
Gast
Dieser Thread soll dem gemeinsamen Austausch von Meinungen bezüglich branchenrelevanter Themen dienen. Wenn es ein Thema gibt, das Euch unter den Nägeln brennt und über das Ihr gern mit anderen Wirtschaftswissenschaftlern diskutieren wollt, dann ist das hier genau der richtige Ort für Euch.
Gast
Gut, dann mache ich auch gleich mal den Anfang.
Das Thema Finanzhilfe für Griechenland beschäftigt sowohl die Medien als auch die Finanzwelt ja nun schon seit einigen Wochen. Während Politik und Medien eine positive Richtung aufzeigen, scheinen die Finanzmärkte geradezu eine Verschuldungsepidemie zu erwarten; Die Aktienindizes sinken, der Euro schwächelt und innereuropäische Anleihen steigen im Risiko.
Wie steht Ihr zu dem Thema? In welche Richtung werden wir uns Eurer Meinung nach in den nächsten Monaten bewegen?
Gast
Tendenziell steht zu befürchten, dass die Finanzmärkte hierbei das richtige Gespür aufweisen – auch wenn Sie bisher eher vergleichsweise zurückhaltend reagiert haben.
Gast
Wie gerade bekannt wurde enthalten die Vereinbarungen der Euro-Länder eine Klausel, nach der sich finanziell schwächere Länder von der Kreditvergabe entbinden lassen können. Genauer gesagt, wenn sie höhere Zinsen an den Markt zahlen müssten, als sie durch die Griechenlandkredite einnehmen würden (was unterm Strich zu negativen Einnahmen führen würde). Und das betrifft nicht nur das finanziell schwächere Osteuropa, sondern auch den „starken“ Westen; Ich denke, Spanien und Portugal sind da gute Kandidaten.
Gast
Die Auswirkungen für Deutschland und den Rest Europas wären damit natürlich ganz klar: Ein höherer Anteil am Gesamtpaket und damit höhere Ausgaben, um den Ausfall der fraglichen Länder zu kompensieren.
Gast
Von politischer Seite aus wird sich der Wind meiner Meinung nach nicht so schnell drehen. Einerseits wäre das ein Eingeständnis, versagt oder zumindest zu spät reagiert zu haben. Andererseits hat trotz der Expertise der Finanzspezialisten die öffentliche politische Meinung auch an den Finanzmärkten ein nicht zu unterschätzendes Gewicht. Letztlich dreht sich auf den Märkten doch alles um Erwartungen. Wir haben hier zwei gegenläufige Erwartungshaltungen. Und wenn die öffentliche Meinung genug Anleger überzeugen kann, kann sie den Strömungen der Finanzspezialisten zumindest teilweise entgegen wirken.
Ich denke, wir alle können auf die Entwicklungen der nächsten Tage und Wochen sehr gespannt sein.
Ich denke, wir alle können auf die Entwicklungen der nächsten Tage und Wochen sehr gespannt sein.
Gast
Ganz so viel Vertrauen in die öffentliche Meinung hätte ich an dieser Stelle vielleicht doch nicht; Die Nachrichten, die uns im Kielwasser der Finanzkrise aus Griechenland erreichen, scheinen von Tag zu Tag schlimmer zu werden. Und das sind Botschaften, die die Anleger erreichen und sie vielleicht sogar mehr beeinflussen, als die blanken Zahlen auf ihren Computerbildschirmen.
Gast
Da habe ich gestern wohl die heutige Top-News vorweg genommen; Gestern stürzte der Dow Jones schlagartig um 9% unter die 10.000er Marke ab – als mögliche Hauptursache werden die „dramatischen Bilder“ aus Griechenland vermutet, unterstützt von automatisierter computergestützter Börsensoftware, die anhand vorher festgelegter Algorithmen entsprechend handelte und den Absturz verstärkte. Die zweite mögliche Ursache, die derzeit diskutiert wird, ist ein Bedienungsfehler auf Händlerseite. Statt in „million“ soll ein Börsenhändler einen Auftrag in der Größenordnung „billion“ losgeschickt haben.
Gast
Beides sind keine angenehmen Szenarien, zeigen sie doch auf, wie verwundbar unsere Börsen sind. Im Verlauf des gestrigen Tages wurden auch schon Forderungen nach einer stärkeren Regulierung von computergestützten Hochgeschwindigkeitstransaktionen laut. Die Frage nach der Größenordnung der staatlichen Regulierung dürfte in der nächsten Zeit so einige Gemüter erhitzen. Hoffen wir, dass das Börsengeschehen dadurch keinen nachhaltigen Schaden nimmt.
Gast
Marktforscher schätzen, dass der Hochfrequenzhandel mittlerweile ca. 50% des Handelsvolumens ausmacht, welches sich dadurch in den letzten 5 Jahren um 164% gesteigert hat. Effektiv gibt der Hochfrequenzhandel den mit ausreichender Rechnerkapazität und Spezialsoftware ausgestatteten Big Playern die Möglichkeit, die Grenzzahlungsbereitschaft anderer Marktteilnehmer auszukundschaften.

