Fotos in Bewerbungen gehören in Deutschland seit Jahrzehnten zur Norm. Frauen, Männer, Berufseinsteiger oder erfahrene Fachkräfte: Viele Recruiter:innen erwarten ein Bild – und viele Bewerber:innen glauben, ohne Foto würden ihre Chancen sinken. Aber stimmt das wirklich noch? Im Jahr 2026, in Zeiten von KI-gestützter Personalauswahl, anonymisierten Bewerbungsverfahren und wachsendem Bewusstsein für Diskriminierung, stehen wir an einer Zäsur: Braucht es das Foto im Lebenslauf überhaupt noch?
Dieser Artikel wirft einen nüchternen Blick auf das Thema – leicht kritisch und mit vielen offenen Fragen.
Tradition vs. Wandel: Warum Fotos überhaupt zum Standard wurden
Das Bewerbungsfoto hat in Deutschland eine lange Tradition. In vielen anderen Ländern (z. B. USA oder UK) ist es hingegen unüblich – und zum Teil sogar gesetzlich ungern gesehen, weil es diskriminierende Effekte begünstigen kann. In Deutschland dagegen wird bis heute häufig erwartet:
- Persönlicher Eindruck: Recruiter:innen möchten sich ein Gesicht zum Namen vorstellen.
- Kulturelle Gewohnheit: Fotos gelten als Teil einer „seriösen“ Bewerbung.
- Selbstpräsentation: Bewerber:innen sehen das Foto als Chance, Selbstbewusstsein und Professionalität zu zeigen.
Doch Tradition bedeutet nicht automatisch Sinn – insbesondere wenn gesellschaftliche Realitäten sich ändern.
Digitalisierung, KI und die Automatisierung der Personalentscheidung
Im Jahr 2026 sind viele Unternehmen weit digitaler aufgestellt als noch vor wenigen Jahren. Künstliche Intelligenz (KI), Bewerbermanagement-Software (AMS) und automatisierte Screening-Tools sind heute gängige Technologien.
Screening ohne Gesicht – geht das?
Einige Systeme lesen Lebensläufe, erkennen Kompetenzen, vergleichen Profile und treffen Vorauswahlen – ohne ein Foto zu analysieren. Für diese Tools ist ein Bild schlicht nutzlos, weil sie rein auf Daten und Keywords achten.
Das wirft Fragen auf:
- Warum sollten Bewerber:innen überhaupt ein Foto einreichen, wenn automatisierte Systeme es ohnehin ignorieren?
- Verzerrt das Foto die technischen Prozesse, wenn KI unbeabsichtigt Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Ethnie interpretiert?
Moderne KI kann theoretisch diskriminierende Muster lernen, wenn sie unkritisch auf visuelle Eingaben trainiert wird – ein Risiko, das mittlerweile auch von Datenschützerinnen und Ethik-Expert:innen thematisiert wird.
Antidiskriminierung: Schutz oder Illusion?
Ein zentrales Argument gegen Fotos ist das Potenzial für Diskriminierung. Schon ohne böswillige Absicht können visuelle Eindrücke folgende Entscheidungen beeinflussen:
- Geschlechtliche Wahrnehmung
- Alterseinschätzung
- Attraktivität oder Mode-Stil
- Körpermerkmale
Studien zeigen, dass Bewerber:innen mit „klassisch attraktiven“ Fotos tendenziell häufiger zu Gesprächen eingeladen werden als andere – unabhängig von Kompetenz. Das wirft heikle Fragen auf:
- Spielt das Foto bei Einladungen eine größere Rolle als Qualifikation?
- Benachteiligt es Menschen, die bewusst kein Foto senden?
Gerade im Digitalzeitalter, wo Vielfalt und Gleichberechtigung zunehmend betont werden, wirkt diese Praxis widersprüchlich.
Internationale Vergleiche: Warum andere Länder ohne Foto auskommen
In vielen westlichen Ländern ist es unüblich, ein Bewerbungsfoto zu senden. In Frankreich oder Spanien ist ein Foto normal, aber im angloamerikanischen Raum (USA, UK, Kanada) gilt das Foto als potenziell diskriminierend – und wird deshalb oft weggelassen.
Recruiter:innen dort konzentrieren sich auf:
- Fähigkeiten
- Erfahrung
- Nachweisbare Erfolge
- Portfolio oder Arbeitsproben
Und oft funktioniert das sehr gut.
Könnte Deutschland dem folgen? Theoretisch ja – doch das würde einen kulturellen Wandel bedeuten, der mehr ist als nur ein technischer Standard.
Frauen, Männer und Fotos: Wer profitiert eigentlich?
Ein besonders kontroverser Punkt ist die Frage, ob Fotos bestimmte Gruppen bevorzugen oder benachteiligen – etwa Frauen im Vergleich zu Männern.
Studienlage und Wahrnehmung
Einige Studien deuten darauf hin, dass Frauen mit professionellen Fotos tendenziell bessere Rücklaufquoten erhalten als Männer – aber nur in bestimmten Branchen. In konservativeren Sektoren (z. B. Finanzen) hingegen wirkt ein klassisches Bewerbungsfoto nicht automatisch positiv.
Zudem gibt es Hinweise darauf, dass…
- attraktiver gestaltete Bilder zu höherer Einladungschance führen
- Bilder mit unkonventionellen Looks seltener positiv bewertet werden
Diese Effekte sind schwer empirisch zu quantifizieren, zeigen aber: Der visuelle Eindruck wird subjektiv interpretiert – und beeinflusst Entscheidungen, die eigentlich auf Qualifikation basieren sollten.
Die Perspektiven von Bewerber:innen: Zwischen Angst und Selbstmarketing
Viele Bewerber:innen stehen unter Druck:
- „Ohne Foto werde ich nicht eingeladen.“
- „Wenn ich ein Foto sende, kann ich benachteiligt werden.“
- „Wie professionell muss mein Bewerbungsfoto eigentlich sein?“
Die Unsicherheit spiegelt sich in Bewerbungsratgebern, Foren und sozialen Netzwerken wider. Bewerber:innen investieren oft Zeit und Geld in Shooting, Styling und Auswahl – obwohl niemand garantieren kann, dass das Foto tatsächlich hilft.
Was Unternehmen heute wirklich tun
Recruiter:innen und Verantwortliche im HR antworten auf Fotos heute unterschiedlich:
Pro-Foto-Argumente
- wirkt sympathisch
- schafft einen persönlichen Bezug
- unterstreicht Professionalität, wenn gut gemacht
Contra-Foto-Argumente
- lenkt vom Lebenslauf ab
- kann bewusst oder unbewusst diskriminieren
- wird von automatisierten Systemen ignoriert
Einige Unternehmen gehen inzwischen dazu über, Bewerbungsprozesse ohne Foto zu gestalten – insbesondere wenn sie anonymisierte Auswahlverfahren einführen, bei denen Lebensläufe ohne Namen, Alter und Foto gescreent werden.
Das ist ein klarer Trend, der derzeit an Bedeutung gewinnt: Recruiting als reine Kompetenzfrage – ohne visuelle Vorurteile.
Der rechtliche Rahmen: Gleichbehandlung vs. freie Bewerbungswahl
Rechtlich ist es in Deutschland nicht verboten, Fotos zu verwenden – aber Bewerber:innen sind durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) geschützt. Unternehmen dürfen nicht aufgrund von Geschlecht, Alter, Herkunft oder Aussehen benachteiligen.
Doch das Gesetz hilft nur, wenn Bewerber:innen Benachteiligung auch wirklich nachweisen können – was in der Praxis schwer ist.
Praktische Entscheidungshilfen für Bewerber:innen in 2026
Wenn du dich 2026 bewirbst, sind hier drei realistische Szenarien:
1. Die klassische Bewerbung mit Foto
Wenn du in Branchen arbeitest, wo Visuelle Präsentation zentral ist (z. B. PR, Marketing, Verkauf), kann ein professionelles Foto helfen – wenn es qualitativ hochwertig ist.
2. Die moderne Bewerbung ohne Foto
In vielen digitalen Unternehmen, Startups oder bei anonymisierten Prozessen kann ein Verzicht auf ein Foto sogar dazu beitragen, dass der Fokus auf deinen Skills liegt.
3. Kontextabhängige Entscheidung
Prüfe die Stellenausschreibung:
- Wird ein Foto explizit verlangt?
- Gibt es Hinweise auf anonymisierte Prozesse?
- Welche Bewerbungsformate nutzt das Unternehmen?
Manchmal sagt schon ein Blick in die Stellenanzeige mehr über Erwartungen aus als alle Ratgeber zusammen.
Fazit: Ist das Bewerbungsfoto 2026 noch zeitgemäß?
Kurz gesagt: Das Bewerbungsfoto ist 2026 nicht mehr zwingend notwendig – aber es kann situativ sinnvoll sein.
Es ist kein universelles Erfolgsrezept mehr. Tatsächlich kann es in manchen Fällen Risiken und Verzerrungen mit sich bringen – vor allem wenn Entscheidungen auf subjektiver Wahrnehmung beruhen statt auf objektiven Kompetenzen.
Zudem zeigt der internationale Vergleich: Viele Länder kommen gut ohne Bewerbungsfoto aus – und konzentrieren sich rein auf Fähigkeiten und Erfahrung.
Die großen Fragen bleiben also:
Wird sich Deutschland mittelfristig von der Foto-Tradition lösen?
Oder bleibt es ein kulturelles Merkmal der Bewerbungswelt, das wir akzeptieren – mit all seinen Vor- und Nachteilen?
Beide Antworten sind heute (Stand 2026) noch offen. Fest steht: Wer sich mit Bewerbungen beschäftigt, sollte kritisch hinterfragen, ob ein Foto wirklich hilft – oder ob es eher Erwartungen bedient, die gar nicht mehr zeitgemäß sind.
Bild: pixabay.com / loufre
