Mehr als drei Millionen Menschen sind in Deutschland arbeitslos, die Nachfrage nach Arbeitskräften bleibt insgesamt verhalten. Trotzdem gibt es Bereiche, in denen Unternehmen wieder verstärkt Mitarbeiter suchen. Besonders gefragt sind Fachkräfte in Gesundheit, Pflege, Handwerk, Energie und Teilen der Industrie. Der Arbeitsmarkt wird damit zunehmend zum Spiegel des Strukturwandels.
Der deutsche Arbeitsmarkt kommt weiterhin kaum vom Fleck. Im August waren rund 3,06 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote stieg auf 6,5 Prozent. Gleichzeitig wurden bei der Bundesagentur für Arbeit 656.000 offene Stellen gemeldet, etwas mehr als im Juli und auch mehr als ein Jahr zuvor.
Von einer echten Trendwende kann dennoch keine Rede sein. Die Bundesagentur für Arbeit spricht von einer verhaltenen Entwicklung. Auch der Stellenindex der Behörde zeigte im August nur eine Seitwärtsbewegung. Die Unternehmen halten sich bei Neueinstellungen weiterhin zurück.
Und trotzdem lohnt ein genauerer Blick auf die Zahlen. Denn hinter dem insgesamt schwachen Arbeitsmarkt verbirgt sich eine Entwicklung, die weniger eindeutig ist, als es die Arbeitslosenzahl zunächst vermuten lässt.
Wo Unternehmen weiterhin Mitarbeiter suchen
In einigen Branchen steigt die Zahl der Stellenangebote bereits wieder leicht. Dazu gehören unter anderem der öffentliche Bereich, der Finanzsektor sowie die Energie- und Wasserwirtschaft. Auch im verarbeitenden Gewerbe zeichnet sich teilweise ein Stellenplus gegenüber dem Vorjahr ab. Besonders deutlich wird der Bedarf bei technischen Berufen. Unternehmen suchen beispielsweise Servicetechniker für Windkraftanlagen, Ingenieure, Mechatroniker, Elektriker und weitere Fachkräfte.
Das Problem: Viele dieser Stellen lassen sich nicht ohne Weiteres mit den Personen besetzen, die an anderer Stelle ihren Arbeitsplatz verlieren.
Der Arbeitsmarkt verändert sich also nicht nur quantitativ, sondern auch strukturell. Ein Arbeitsplatz, der in einer Branche verschwindet, führt nicht automatisch zu einem passenden neuen Arbeitsplatz in einer anderen.
Pflege, Gesundheit und Handwerk bleiben gefragt
Einige Bereiche stehen schon seit Jahren unter besonderem Druck. Dazu zählen Gesundheit, Pflege und Erziehung. Auch im Handwerk, in Verkaufsberufen und teilweise in der Gastronomie werden weiterhin Beschäftigte gesucht. Hinzu kommen Arbeitsplätze im Baugewerbe.
Gerade kleine Betriebe haben allerdings Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Das gilt insbesondere für das Handwerk. Zwar gibt es dort ein erhebliches Beschäftigungspotenzial, gleichzeitig ist die Branche für viele junge Menschen offenbar weniger attraktiv als andere Berufsfelder. Damit verschärft sich ein Problem, das Deutschland schon länger begleitet: Es fehlen nicht unbedingt überall Arbeitsplätze, es fehlen häufig die passenden Arbeitskräfte.
Die Babyboomer verschärfen das Problem
Dabei dürfte sich die Situation in den kommenden Jahren eher noch zuspitzen. Ein Grund ist der demografische Wandel. Eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft kommt zu dem Ergebnis, dass der Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge den Arbeitsmarkt stärker treffen könnte als bislang angenommen. Bis 2036 erreichen demnach im Durchschnitt jedes Jahr rund 1,3 Millionen Menschen aus der Babyboomer-Generation das Rentenalter.
Für Unternehmen bedeutet das: Selbst wenn die Konjunktur schwach bleibt, verschwinden gleichzeitig zahlreiche erfahrene Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt.
Besonders schwierig ist das für Betriebe, in denen Wissen und Erfahrung über Jahrzehnte aufgebaut wurden. Fachkräfte lassen sich dort nicht kurzfristig ersetzen. Damit könnte sich ein scheinbarer Widerspruch weiter verstärken: Deutschland hat gleichzeitig Arbeitslose und einen erheblichen Fachkräftebedarf.
Industrie baut ab – andere Bereiche stellen ein
Besonders sichtbar wird der Strukturwandel derzeit in der Industrie. Während die Automobilindustrie und ihre Zulieferer Arbeitsplätze abbauen, entstehen in anderen Industriezweigen neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Dazu gehört unter anderem die Rüstungsindustrie. Größere Unternehmen der Branche suchen Fachkräfte und bieten teilweise auch Ausbildungsplätze an.
Eine vollständige Verlagerung von Beschäftigung ist damit allerdings nicht möglich. Für Beschäftigte aus der Autoindustrie stellt sich deshalb die Frage, ob ihre bisherigen Qualifikationen auf andere Branchen übertragbar sind, und ob sie bereit oder in der Lage sind, sich entsprechend weiterzubilden.
Der Strukturwandel wird damit auch zu einer Frage der beruflichen Mobilität.
Arbeit gibt es, aber nicht unbedingt am richtigen Ort
Eine weitere Hürde ist der Standort. Beschäftigung wächst laut Arbeitsmarktforschern vor allem in Metropolen und dort insbesondere im Dienstleistungsbereich sowie bei personennahen Dienstleistungen. Dazu zählen etwa Pflege und Handwerk.
Doch ein vorhandener Arbeitsplatz hilft einem Arbeitssuchenden wenig, wenn er mehrere hundert Kilometer entfernt liegt und ein Umzug kaum finanzierbar ist. Nicht für jeden Job ist Home Office oder Flexwork möglich.
Gerade in Städten wie München kommt ein weiteres Problem hinzu: Wohnraum ist knapp und teuer. Auch für Familien kann ein Umzug schwierig werden, wenn der Partner oder die Partnerin am bisherigen Wohnort ebenfalls einen Arbeitsplatz hat.
Arbeitsmarktpolitik bedeutet deshalb zunehmend auch, über Wohnraum, Infrastruktur und Mobilität nachzudenken.
Die Hoffnung auf den Aufschwung bleibt
Noch fehlt der Wirtschaft die Dynamik, die für eine nachhaltige Belebung des Arbeitsmarktes notwendig wäre. Die Unternehmen sind bei Investitionen und Neueinstellungen vorsichtig. Ein Grund dafür ist die fehlende Planungssicherheit.
Gleichzeitig gibt es erste vorsichtige Signale, dass sich die wirtschaftliche Lage verbessern könnte. Das ifo-Institut registrierte zuletzt eine bessere Stimmung in der Exportwirtschaft. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sieht Anzeichen für eine Stabilisierung der deutschen Wirtschaft.
Für den Arbeitsmarkt bedeutet das allerdings nicht, dass sich die Situation sofort verbessern würde. Beschäftigung reagiert üblicherweise mit Verzögerung auf konjunkturelle Veränderungen.
Wenn Unternehmen wieder optimistischer werden, müssen deshalb nicht unmittelbar neue Stellen entstehen. Zunächst werden häufig bestehende Kapazitäten besser ausgelastet, Investitionen geplant und die wirtschaftliche Entwicklung beobachtet.
Der Arbeitsmarkt wird unübersichtlicher
Die aktuelle Entwicklung zeigt damit vor allem eines: Eine einzelne Zahl beschreibt den deutschen Arbeitsmarkt nur noch unzureichend. Die mehr als drei Millionen Arbeitslosen sind ebenso Realität wie die Hunderttausenden offenen Stellen. Gleichzeitig entstehen neue Jobs in bestimmten Branchen, während andere Unternehmen Personal abbauen. Regionen entwickeln sich unterschiedlich, und auch die Anforderungen an Beschäftigte verändern sich.
Für Arbeitssuchende wird es deshalb wichtiger, nicht nur nach dem eigenen bisherigen Berufsbild zu suchen. Entscheidend kann sein, welche Kompetenzen und Skills auch in anderen Branchen gefragt sind.
Für Unternehmen wiederum wird die Suche nach geeigneten Mitarbeitern schwieriger. Denn der demografische Wandel trifft auf einen Strukturwandel, bei dem viele Qualifikationen nicht ohne Weiteres von einem Arbeitsplatz auf den nächsten übertragen werden können.
Das könnte den deutschen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren vor eine besondere Herausforderung stellen: Es geht weniger darum, ob es Arbeit gibt. Es geht zunehmend darum, ob Arbeitskräfte und offene Stellen zusammenfinden.
Noch ist von einem allgemeinen Aufschwung wenig zu sehen. Doch gerade dort, wo die Wirtschaft sich verändert, entstehen bereits neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Die entscheidende Frage wird sein, wie schnell Beschäftigte, Unternehmen und Politik auf diese Veränderungen reagieren können.
Quelle: Tagesschau – Wo es trotz Konjunkturflaute noch Jobs gibt
Ergänzend: Aktuelle Arbeitsmarktdaten der Bundesagentur für Arbeit
News und Beitragsbild: Mit KI-Unterstützung erstellt
