Für junge Menschen wird der Start ins Berufsleben schwieriger. Unternehmen schreiben deutlich weniger Einstiegsstellen aus, gleichzeitig kann Künstliche Intelligenz Aufgaben übernehmen, die früher häufig von Berufseinsteigern erledigt wurden. Noch ist unklar, wie stark KI tatsächlich für den Rückgang verantwortlich ist. Sicher ist aber: Der Einstieg in die Arbeitswelt verändert sich.
Ein abgeschlossenes Studium, gute Noten und erste praktische Erfahrungen, lange galten diese Voraussetzungen als solide Grundlage für den Berufseinstieg. Für viele junge Menschen funktioniert dieses Muster inzwischen nicht mehr so zuverlässig.
Wer heute nach einem Praktikum, einer Einstiegsposition oder dem ersten Job nach dem Studium sucht, trifft auf einen deutlich vorsichtigeren Arbeitsmarkt. Besonders in klassischen Wissens- und Bürojobs ist das Angebot zurückgegangen. Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz die Tätigkeiten, mit denen Berufseinsteiger traditionell ihre ersten Erfahrungen gesammelt haben.
Damit entsteht eine schwierige Situation: Junge Menschen sollen Berufserfahrung sammeln, bekommen aber gerade dort weniger Chancen, wo diese Erfahrung normalerweise aufgebaut wird.
Einstiegsjobs sind deutlich weniger geworden
Wie stark sich der Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger verändert hat, zeigt eine Analyse der Online-Jobbörse Indeed. Seit dem Rekordjahr 2022 ist das Angebot an Einstiegsstellen demnach um rund zwei Drittel zurückgegangen. Der gesamte Stellenmarkt schrumpfte im gleichen Zeitraum ebenfalls, allerdings deutlich weniger stark, um rund 39 Prozent.
Betroffen sind nahezu alle Berufsgruppen. In 26 von 28 untersuchten Bereichen ist die Zahl der Einstiegsangebote seit 2022 gesunken. In 23 dieser Gruppen fiel der Rückgang sogar stärker aus als im Gesamtmarkt.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei klassischen Wissensberufen. Im Marketing ging das Angebot an Einstiegsstellen laut Indeed um 75 Prozent zurück. Bei IT-Anwendungen und IT-Lösungen waren es 77 Prozent, im Projektmanagement rund 60 Prozent. Dagegen legten Pflege, Medizin und Pharmazie sowie Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie zu.
Für Hochschulabsolventen kann das zum Problem werden. Denn gerade die ersten Berufsjahre sind wichtig, um theoretisches Wissen in der Praxis anzuwenden und sich innerhalb eines Unternehmens weiterzuentwickeln.
KI trifft auf einen ohnehin schwachen Arbeitsmarkt
Dass Künstliche Intelligenz bei dieser Entwicklung eine Rolle spielt, liegt nahe. Einen eindeutigen Beleg dafür gibt es allerdings bislang nicht. Der entscheidende Punkt: Der Rückgang bei Einstiegsstellen begann bereits im Sommer 2022, also bevor ChatGPT Ende desselben Jahres öffentlich verfügbar wurde. Indeed sieht deshalb vor allem die schwache Konjunktur als wichtigen Grund für die Entwicklung. Unternehmen verzichten in wirtschaftlich unsicheren Zeiten häufig zunächst auf Investitionen in Nachwuchskräfte.
Auch Arbeitsmarktforscher Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beschrieb die Situation als eine Art „Erneuerungskrise“. Es gebe derzeit keine großen Entlassungswellen, gleichzeitig würden aber nur wenige neue Arbeitsplätze geschaffen. Für Berufseinsteiger ist das besonders problematisch.
KI könnte diese Entwicklung allerdings verstärken.
Gerade einfache Aufgaben können wegfallen
Denn viele Einstiegsjobs bestehen traditionell aus Tätigkeiten, bei denen Berufserfahrung zunächst weniger entscheidend ist: Informationen recherchieren, Texte vorbereiten, Daten auswerten, Dokumentationen erstellen oder standardisierte Kundenanfragen bearbeiten. Genau solche Aufgaben können moderne KI-Systeme zunehmend übernehmen.
Das betrifft beispielsweise Teile der Arbeit in Banken, Versicherungen, IT-Unternehmen, Marketingabteilungen oder anderen Bürojobs. Damit verändert sich die Rolle des Berufseinsteigers. Aufgaben, mit denen junge Beschäftigte früher langsam in einen Beruf hineinwachsen konnten, lassen sich teilweise automatisieren.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass der komplette Arbeitsplatz verschwindet. Vielmehr kann sich der Inhalt der Stelle verändern.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wenn KI die einfachen Aufgaben übernimmt, wo sammeln junge Menschen dann ihre ersten praktischen Erfahrungen?
Unternehmen planen teilweise weniger Berufseinsteiger
Hinweise darauf, dass Unternehmen ihre Personalplanung bereits verändern, liefert eine Befragung des Kienbaum Instituts für die Wirtschaftswoche. Demnach planen 35 Prozent von mehr als 1.000 befragten Personalverantwortlichen, bis 2030 aufgrund von KI weniger Berufseinsteiger einzustellen.
Auch die Arbeitslosigkeit unter jungen Akademikern hat sich erhöht. Die Zahl arbeitsloser Akademiker unter 30 Jahren lag 2025 im Jahresdurchschnitt bei rund 45.000. Seit 2022 hat sie sich damit nahezu verdoppelt.
Die Zahlen zeigen allerdings nicht, dass KI bereits massenhaft Arbeitsplätze vernichtet. Dafür ist der Zusammenhang zu komplex.
Vielmehr treffen mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinander: eine schwache wirtschaftliche Entwicklung, zurückhaltende Unternehmen, strukturelle Veränderungen in einzelnen Branchen und eine zunehmende Automatisierung von Tätigkeiten.
KI kann auch neue Chancen schaffen
Trotz der schwierigen Aussichten wäre es falsch, KI ausschließlich als Bedrohung für junge Arbeitnehmer zu betrachten.
Denn Unternehmen stehen gleichzeitig vor einem erheblichen Fachkräfteproblem. Der demografische Wandel wird dazu führen, dass in Deutschland in den kommenden Jahren viele erfahrene Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden. KI könnte einen Teil der dadurch entstehenden Produktivitätsprobleme auffangen.
Auch der aktuelle PwC AI Jobs Barometer 2026 zeigt ein differenziertes Bild. 2025 waren in Deutschland rund 125.000 Stellenanzeigen KI-bezogen. Das entsprach 1,3 Prozent aller Ausschreibungen. Gleichzeitig ist Deutschland vor allem ein Markt für KI-Anwender: Auf rund 109.400 KI-Anwenderrollen kamen etwa 15.400 Entwicklerrollen.
KI wird damit zunehmend Bestandteil bestehender Berufe, und das nicht nur in der IT.
Das eröffnet auch jungen Beschäftigten einige Möglichkeiten. Wer früh lernt, KI sinnvoll anzuwenden und einzusetzen, kann sich möglicherweise von anderen Bewerbern abheben. Voraussetzung ist allerdings, dass Unternehmen jungen Menschen überhaupt die Möglichkeit geben, praktische Erfahrungen zu sammeln.
Unternehmen erwarten teilweise niedrigere Einstiegsgehälter
Ein weiterer Effekt könnte die Bezahlung sein.
Das ifo Institut hat im Sommer 2026 mehr als 3.000 Unternehmen befragt, die bereits KI einsetzen. Das Ergebnis: Besonders für Beschäftigte mit weniger als fünf Jahren Berufserfahrung erwarten viele Unternehmen sinkende Löhne.
Bei Arbeitskräften mit kurzer Berufserfahrung ohne Hochschulabschluss rechnen beispielsweise 53,3 Prozent der befragten Dienstleistungsunternehmen mit sinkenden Löhnen aufgrund des KI-Einsatzes. Bei Beschäftigten mit längerer Berufserfahrung sind es 44,2 Prozent.
Für Hochschulabsolventen ist das Bild etwas differenzierter. Hier sehen Unternehmen neben möglichen negativen Effekten auch Chancen auf höhere Löhne. Bei Akademikern mit kurzer Berufserfahrung erwarten 16,3 Prozent der Unternehmen einen positiven Lohneffekt durch KI. Bei Akademikern mit mehr als fünf Jahren Berufserfahrung steigt dieser Anteil auf 26 Prozent.
Damit zeichnet sich ein mögliches Muster ab: Je stärker Berufserfahrung und KI-Kompetenz miteinander verbunden sind, desto größer kann der wirtschaftliche Wert der Beschäftigten werden.
Für Berufseinsteiger entsteht dadurch allerdings ein Problem. Sie müssen zunächst die Erfahrung sammeln, die Unternehmen später honorieren.
Beim Berufseinstieg: Vom Handlanger zum Impulsgeber
Arbeitsmarktforscher sehen deshalb nicht nur die Unternehmen in der Pflicht. Auch die Aufgaben von Berufseinsteigern könnten sich verändern.
Statt junge Beschäftigte zunächst jahrelang mit Routineaufgaben zu beschäftigen, könnten Unternehmen ihnen früher Verantwortung übertragen. KI übernimmt dabei die standardisierten Tätigkeiten, während junge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen stärker an Analyse, Entscheidungsfindung, Kommunikation und der Entwicklung neuer Lösungen beteiligt werden.
Das würde allerdings ein Umdenken bei der Organisation von Arbeit voraussetzen.
Denn wenn KI tatsächlich einen Teil der klassischen Einstiegsaufgaben übernimmt, kann das bisherige Karriereprinzip nicht unverändert funktionieren. Früher führte der Weg häufig über einfache Aufgaben zu komplexeren Tätigkeiten. Wenn die einfachen Aufgaben zunehmend automatisiert werden, braucht es andere Lern- und Entwicklungspfade.
Was junge Menschen jetzt brauchen
Für Bewerber bedeutet die Entwicklung deshalb nicht, dass klassische Qualifikationen wertlos werden. Im Gegenteil.
Fachwissen bleibt wichtig. Hinzu kommen aber Kompetenzen, die sich schwerer automatisieren lassen: kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation, Problemlösung und die Fähigkeit, KI-Ergebnisse richtig einzuordnen.
Auch der souveräne Umgang mit KI selbst dürfte zu einer wichtigen Grundkompetenz werden. Die PwC-Analyse zeigt bereits, dass KI-Anforderungen in immer mehr Bereichen auftauchen. Gleichzeitig verändert sich der Skill-Mix in Deutschland bislang nicht automatisch im gleichen Tempo.
Für junge Menschen könnte deshalb gerade die Kombination entscheidend sein: Fachwissen plus KI-Kompetenz plus praktische Erfahrung.
Doch genau an der praktischen Erfahrung fehlt es derzeit vielen.
Der Berufseinstieg wird zum Prüfstein des KI-Wandels
Noch lässt sich nicht sagen, ob Künstliche Intelligenz langfristig tatsächlich zu weniger Beschäftigung führt. Auch die aktuellen Daten liefern dafür kein eindeutiges Bild. Der Rückgang bei Einstiegsstellen hat nachweislich bereits vor dem aktuellen KI-Boom begonnen.
Dennoch verändert KI die Ausgangslage.
Wenn Unternehmen weniger einfache Aufgaben an Berufseinsteiger vergeben, müssen sie neue Wege finden, junge Menschen in ihre Organisationen einzubinden. Andernfalls könnte eine paradoxe Situation entstehen: Unternehmen beklagen den Fachkräftemangel, während gleichzeitig eine Generation Schwierigkeiten hat, überhaupt die ersten Berufserfahrungen zu sammeln.
Dabei könnte gerade diese Generation für den KI-Wandel besonders wertvoll sein. Junge Beschäftigte sind mit digitalen Technologien aufgewachsen und können neue Werkzeuge schnell in bestehende Arbeitsprozesse integrieren.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, welche Jobs KI ersetzen kann. Entscheidend wird sein, welche neuen Aufgaben Menschen übernehmen können, und ob Unternehmen jungen Beschäftigten früh genug die Chance geben, diese Aufgaben zu erlernen.
Der Arbeitsmarkt steht damit vor einem Wandel, der weit über die Frage nach einzelnen verlorenen Arbeitsplätzen hinausgeht. Es geht um die Frage, wie Karrieren künftig beginnen.
Quellen
Tagesschau: „Job-Einstieg mit Problemen: Wie KI den Arbeitsmarkt radikal verändert“, 4. Oktober 2026.
Indeed / Tagesschau: Analyse zum Rückgang der Stellenangebote für Berufseinsteiger seit 2022.
ifo Institut: „Unternehmen erwarten eher sinkende Löhne durch Einsatz von Künstlicher Intelligenz“, 12. August 2026.
PwC: AI Jobs Barometer 2026 – Analyse von mehr als einer Milliarde Stellenanzeigen aus 27 Ländern.
